Atelier- und Galeriehaus
Defet Marianne und Hansfriedrich Defet Stiftung

Robert Seidel

01.03. - 31.07.2015

nominiert vom Institut für moderne Kunst Nürnberg //

Als André Cassagnes Mitte Januar 2013 in einem Pariser Vorort im Alter von 86 verstarb, erinnerte sich die Welt an die berühmteste Erfindung des französischen Elektriktotechnikers, Tüftlers und Drachenbauers: L’Écran Magique, die Zaubertafel, ein kleiner roten Kasten mit zwei Drehknöpfen und einer silbrig schimmernden Oberfläche, auf welcher wie von Zauberhand durch das Drehen der Knöpfe geometrische Linien erschienen. 1959 hatte Cassagnes seine Erfindung auf der Nürnberger Spielzeugmesse präsentiert, kurz darauf lizensierte die amerikanische Firma Ohio Art das Spielzeug für 25.000 Dollar. In den Vereinigten Staaten wurde die Zaubertafel unter dem Namen „Etch A Sketch“ schon bald darauf zu einem Spielzeug-Besteller, der sich in den folgenden Jahrzehnten über 100 Millionen mal verkaufte.1 Der Verband der amerikanischen Spielzeugindustrie setzte „Etch A Sketch“ 2003 schliesslich auf die Liste der 100 besten Spielzeuge des 20. Jahrhunderts. Auch im Osten spielten Kinder mit der begehrten „Magická tabulka“ oder „Magischen Tafel“, die von einem tschechischen Betrieb hergestellt wurde und die man nur kräftig schütteln musste, um das alte Bild verschwinden zu lassen und erneut mit dem magischen Zeichnen zu beginnen.2

Fraglos ist das massive rote Gehäuse, welches in Robert Seidels Bild „Magische Tafel“ (2009) als eine Art Rahmen für eine architektonisch-technizistische Studie der Wurzener Strasse und dem Rappenberg in Seidels Geburtsstadt Grimma dient, trotz Überformat als Zaubertafel zu erkennen. Im Kontext der Malerei lässt sich das Spielzeug als mehrfach codierter Apparat lesen. Es verweist sowohl auf eine Ost-Kindheit, Seidels Übertragung ingenieurtechnischer Perspektiven und Arbeitsweisen in die Malerei, sicher auch auf die Mühen der Malerei selbst: der gesetzte Rahmen, also Bildproduktion und ihre Grenzen, das Experimentieren, Festlegen, Verwerfen, Neubeginn. Robert Seidel will die Malerei nicht neu erfinden. Die klassischen Sujets – Landschaft, Figuration, Architektur – begreift er als Ausgangspunkt und erweitert sie um ein Konvolut zeitgenössischer Aspekte: In den Bildern des 1983 geborenen Künstlers mischen sich Vintage-Phantasien mit Vektor-Ästhetik, Sachsen-Dekonstruktion mit Vogelperspektiven, Vinyl-nerdiges Reggae-Fantum mit altmeisterlicher Eitempera-Leinwand-Technik.

„Magische Tafel“ gehört zu einer ganzen Reihe 3 von Bildern, mit denen Seidel – teilweise noch während seines Studiums an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst – in die Rolle eines Lokalchronisten schlüpfte, um sich mit seiner (rund 30.000 Einwohner zählenden) sächsischen Heimatstadt Grimma und dem umgebenden Muldentalkreis malend zu beschäftigen: „Zum einen begreife ich mich als Chronist, dessen Aufgabe darin besteht, das Gegenwärtige für die Nachwelt zu dokumentieren, zum anderen als kritischer Beobachter, der das Gesehene auf seine Bildtauglichkeit überprüft und, wenn nötig, Eingriffe am Status quo vornimmt.“4 Hintergrund war der Wunsch nach Konzentration auf das Naheliegende. Seidel ging es darum, „ein bezwingbares Arsenal an bildnerischen Möglichkeiten zu wählen und einen abgesteckten Kreis an Bildmotiven finden.“5 Das Echo sächsischer Landschaften hallt schon länger durch die neuere Kunstgeschichte, von den romantischen Malern wie dem Dresdner Ludwig Richter (1803-1884), welche die Sächsische Schweiz als ihr Motiv entdeckten, über den sächsischen Impressionisten Robert Sterl (1867-1932), der die Arbeiter in den (heute nicht mehr existierenden) Steinbrüchen malte, bis hin zum Werk älterer Zeitgenossen wie Neo Rauch – Seidels Lehrer an der Leipziger Akademie – oder auch Georg Baselitz. Doch nirgendwo in der zeitgenössischen Malerei findet sie sich so heimatkundlich-typologisch durchdekliniert und querschnittartig seziert wie bei Seidel.

Ihm gehe es bei diesen Bildern nicht vordergründig um Häuser, Dörfer oder Kleinstädte, betont der Künstler, sondern darum, sich selbst Gegenstände oder Zusammenhänge begreiflich zu machen. „Wenn ich einmal das Gefühl der Durchdringung erfahren habe, kann ich zurücktreten und Veränderungen vornehmen, dem Bild ein Eigenleben zugestehen und mich von der Malerei überraschen lassen.“6

Verblüffende Lösungen in der Bildfindung oder auch kleine Details ergeben einen Sog von Geschichten und Verweisen, die den Betrachter immer weiter in das Bild hineinziehen: So taucht etwa in „Wurzen“ (2008) neben verschiedenen zwei- und dreidimensionalen Gebäudestudien von Wohn-, Gewerbe- und Verwaltungsbauten das rote, dreizackige Firmenlogo der Wurzener Nahrungsmittel GmbH auf, welche vor der Wiedervereinigung als das landesweit bekannte VEB Nahrungsmittelkombinat „Albert Kuntz“ die DDR unter anderem mit Erdnussflips und Kochbeutelreis versorgte. Ebenfalls im Bild findet sich das schwarz-rot-goldene Stadtwappen, das einen einen geharnischten Reiter zeigt, der in seiner rechten Hand einen Krummstab, das bischöfliches Würdezeichen, führt. Auf die jüngste, unrühmliche Stadtgeschichte weist ein verwischtes Konterfei des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im Stile eines Schablonen-Graffitis oder eines Aufklebers hin. Heß, der in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und 1987 Selbstmord beging, wird in der extremen Rechten als Kult- und Märtyrerfigur verehrt. Seit den Neunzigern gibt es in Wurzen (wie im gesamten Leipziger Umland) eine sehr aktive rechtsradikale Szene, die strukturell gefestigt und in vielen gesellschaftlichen Bereichen verankert ist. „Ich verstehe meine Arbeit nicht vordergündig als politisch engagiert,“ sagt Seidel „aber die rechte Szene war und ist ein Teil von Wurzen, nicht mehr und nicht weniger.“7 Weniger eindeutig ist das Graffiti-Akronym ACAB („All Cops Are Bastards“) zu dechiffrieren, welches ursprünglich aus der englischen Siebzigerjahre-Ultraszene kommend, mittlerweile sowohl von rechten, wie auch linken Jugendkulturen benutzt wird.

Die Prinzipen der Reduktion, Vereinfachung, Auswahl, Verstärkung und Verfremdung sind Strategien in der Auseinandersetzung mit Malerei, die im Werk Seidels besonders zum Tragen kommen. Wie zentral die Kunst des Weglassens und Verwerfens für Seidels Praxis ist, zeigen etwa auch seine figurativen Motive. Für das Bild „Dirty Reggae“ (2011) griff der Künstler auf ein gefundenes Promo-Foto8 der spanischen Reggae- und Rocksteady-Band Los Granadians (del Espacio Exterior) zurück. Seidel unterzog die fotografische Vorlage einer Reihe von Klärungen und Verfremdungen – von den ursprünglich sechs posierenden Bandmitgliedern wurden zwei Figuren wieder aus dem Bild herausgemalt – bis im Grunde nur noch die „coole Pose“ übrigblieb, die eine Gruppe von Musikern in einem kleinen Raum einnehmen. Ein ähnliches Prinzip wendete der Künstler auch bei der Produktion von „Top of the ladder“ (2013) an, für die das gleichnamige, in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre erschienene Album der jamaikanischen Ska- und Calypso-Band „Byron Lee and the Dragonaires“ als Vorlage diente: Seidel ließ das Bigband-Ensemble von ursprünglich 15 Musikern auf die klassische Bandgröße von vier Musikern schrumpfen, das Publikum verschwinden und den Hotel-Pool ohne Wasser. „Dirty Reggae“ wie auch „Top of the ladder“ funktionieren strukturell wie „Reverse Engineering“: Aus einem fertigen Objekt wird mittels Strukturanalyse ein Plan extrahiert: Und plötzlich wird das Gerüst sichtbar. Für gewöhnlich funktioniert der Imagetransfer zwischen Kunst und Pop in der entgegengesetzten Richtung.9

Die rücksichtslose Überführung – und Weiterverarbeitung – obskurer Reggae-Plattencover in die eigene Praxis lässt sich mit Diedrich Diederichsen aus dem „Ernstnehmen des eigenen Fantums“ erklären. „Wenn man eine Güterabwägung macht zwischen gelungener Kommunikation, also zwischen sogenannter Verständlichkeit und der Treue zum Gegenstand, oder der Treue gegenüber der eigenen Begeisterung, bin ich für Letzteres. […] Einer, der in eine Rezeptionsekstase gerät, ist doch viel interessanter zu beobachten als jemand, der Informationen verteilt.“10 Wenn Robert Seidel selbst über seine Arbeit spricht, dann geht es um Fehlerbeseitigung, Inventarisierung und Bündelung visueller Kraft: „Ich arbeite so lange, bis Ruhe eingekehrt und Ordnung geschaffen ist.“11 Doch das ist nur die eine Seite seiner Kunst, die teilweise tatsächlich am Reißbrett entsteht. Hinter den Bildern – die gar nicht so aufgeräumt erscheinen wie der Maler selbst gern behauptet – pulsiert die Freude an Landschaft, Musik,der Architektur der Dinge und springenden Perspektiven. Das heißt: Seidel ist auch ein ekstatischer Maler, der seine Sujets erst einmal zerlegt und zertrümmert, um sie anschliessend neu zusammenzusetzen. Der Mut, alles infrage zu stellen, liefert die Basis für seine neuartigen, faszinierenden Bilder.

- Kito Nedo -