Atelier- und Galeriehaus DEFET - Marianne und Hansfriedrich Defet Stiftung

Toulu Hassani

01.09.2021 - 31.01.2022

nominiert von der Kunsthalle Nürnberg //

Mit ihren geometrischen Strukturen erinnern viele Werke der Künstlerin Toulu Hassani (*1984 in Ahwaz/Iran) an Traditionen der abstrakten Ornamentik: Die kleinteiligen und auf Nahsicht angelegten Raster flimmern vor den Augen, da Bildvordergrund und -hintergrund ständig ihre Rollen zu tauschen scheinen. Das dem Raster zugrundeliegende System weist auf den zweiten Blick Verschiebungen und Richtungswechsel auf. Es scheint sich zu emanzipieren und eine eigene Logik zu entwickeln. Toulu Hassanis Werke führen minimalistische Malereitraditionen ausgesprochen eigenständig weiter und verhandelt dabei klug die grundlegenden malereiinhärenten Fragen nach Farbe und Komposition, nach Form und Struktur, nach Räumlichkeit und Flächenaufteilung. Meisterhaft changieren ihre filigranen Arbeiten zwischen Malerei und Zeichnung sowie Malerei und Objekt. Der Bildträger selbst gerät immer wieder in den Fokus und Objekthaftigkeit wie Materialität von Malerei treten hervor.
In der aktuellen 6-teiligen Gemäldeserie „Oh Be A Fine Girl Kiss Me“ (2021) zeigt Toulu Hassani eine für ihr Werk neue Airbrush-Technik. Hier beschäftigt sich die Künstlerin mit Sternenhimmelbildern und abstrahierten grafischen Darstellungen von Sternspektren, die Bezug nehmen auf eine Pionierarbeit amerikanischer Astronominnen des 19. Jahrhunderts am Harvard College Observatory. Der Titel dieser neuen Werkserie verweist ebenfalls auf diesen Kontext: „Oh Be A Fine Girl Kiss Me“ diente den Frauen als Merkspruch zur Klassifizierung von Sternen. Dabei steht jeder Anfangsbuchstabe für einen Helligkeitswert bzw. die chemische Zusammensetzung der Sterne.
Werke von Toulu Hassani sind in der Kunsthalle Nürnberg vom 4. Juni bis 28. August 2022 im Kontext der Ausstellung „Geordnete Verhältnisse“ zu sehen. Die Gruppenausstellung präsentiert künstlerische Positionen, die sich selbst Ordnungssysteme auferlegen bzw. bestehende naturwissenschaftliche, gesellschaftliche, philosophische oder auch ökonomische Welterklärungsmodelle in ihren Arbeiten reflektieren. Die Werke erscheinen als Allegorien für den Wunsch des Menschen, die Welt und das Weltgeschehen in erklärbare Modelle zu übersetzen, um daraus eine ihr zugrundeliegende Ordnung abzuleiten. Denn der Mensch strukturiert, vermisst, schafft Ordnung und sucht nach Erkenntnis um die Welt zu begreifen und damit letztlich auch kontrollieren zu können.

Toulu Hassani studierte bis 2012 an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig und beendete ihr Studium als Meisterschülerin von Walter Dahn. Seither erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, unter anderem 2014 das New-York-Stipendium der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und des Landes Niedersachsen. 2016 gewann Toulu Hassani den renommierten Sprengel-Preis für Bildende Kunst der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der von einer Einzelausstellung im Sprengel Museum Hannover begleitet wurde. 2017 folgte eine Einzelausstellung in der Rudolf-Scharpf-Galerie im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. 2019 war ihre Arbeit Teil der Gruppenausstellung „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ mit vier Stationen in deutschen Ausstellungshäusern. Für den Kunstpreis der Böttcherstraße Bremen wurde sie 2020 nominiert und hat im Kontext der gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Bremen ausgestellt. Auf Einladung der Kunsthalle Nürnberg ist Toulu Hassani die 21. Stipendiatin des Marianne-Defet-Malerei-Stipendiums.

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1. Mechanical pencil and oil on canvas, 61x48cm
2. Oh Be A Fine Grirl Kiss Me V, 130x110cm
3. Mechanical pencil and oil on canvas, 53x43cm